Indien startete am Mittwoch den ehrgeizigsten Bevölkerungszensus der Welt und setzte dabei mehr als drei Millionen Beamte ein, um seine 1,4 Milliarden Einwohner zu erfassen. Es ist die erste Volkszählung in über 15 Jahren.
Das Mammutprojekt erstreckt sich über 36 Bundesstaaten und Territorien, umfasst mehr als 7.000 Unterbezirke, 9.700 Städte und fast 640.000 Dörfer. Die Beamten werden ein ganzes Jahr lang Daten durch Haus-zu-Haus-Befragungen sammeln. Damit ist es der 16. Zensus seit der britischen Kolonialherrschaft und der achte seit der Unabhängigkeit 1947.
Erstmals kommt bei dem Zensus digitale Technologie zum Einsatz. Die Erhebungsbeamten nutzen mobile Anwendungen zur Datenerfassung und -übermittlung, während Einwohner sich über ein 16-sprachiges Online-Portal selbst registrieren können. Dabei werden eindeutige Verifizierungs-IDs generiert.
Die Erhebung erfolgt in zwei Phasen. Die erste Phase, die am Mittwoch in ausgewählten Regionen wie Delhi, Goa und Karnataka begann, konzentriert sich auf Wohnverhältnisse, Ausstattung und Haushaltsvermögen. Die zweite Phase, geplant für Februar 2027, wird eine detaillierte Bevölkerungszählung zu Demografie, Bildung, Migrationsmustern und Geburtenraten durchführen.
Dieser Zensus bricht mit der jüngeren Tradition, indem er die Erfassung von Kasten wieder einführt – erstmals seit 1931 unter britischer Herrschaft. Die Entscheidung ist politisch brisant, da Kasten-Daten den Zugang zu Quotenprogrammen in staatlichen Jobs und Bildung für unterprivilegierte Gruppen bestimmen, die mehr als zwei Drittel der indischen Gesellschaft ausmachen.
BBC beschreibt den Zensus als logistische Mammutaufgabe, die für politische Entscheidungen und Repräsentation entscheidend ist. Der Bericht betont Indiens demografischen Wandel und die verwaltungstechnischen Herausforderungen bei der Erfassung von 1,4 Milliarden Menschen.
RFI konzentriert sich auf die politischen Implikationen, insbesondere wie nordindische Bundesstaaten Sitze im Parlament gewinnen könnten. Der Bericht hebt die umstrittene Rückkehr der Kasten-Erfassung und ihre Notwendigkeit für gezielte Sozialprogramme hervor.
NOS betont die digitale Innovation und den Umfang der Operation, weist aber auch auf politische Sensibilitäten bei den Kasten-Daten hin. Der Bericht ordnet Indiens Aufstieg zur bevölkerungsreichsten Nation der Welt ein.
Der Zeitpunkt spiegelt die veränderte demografische Landschaft Indiens wider. Laut UN-Schätzungen überholte das Land 2023 China als bevölkerungsreichstes Land der Welt, hat aber ein Medianalter von 28 Jahren, wobei fast 70 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sind. Diese Zahlen sind jedoch Projektionen, da die letzte offizielle Erhebung 2011 stattfand, als Indiens Bevölkerung bei 1,21 Milliarden lag.
Die Zensus-Ergebnisse werden die politische Landkarte Indiens neu zeichnen. Nordindische Bundesstaaten, die tendenziell die BJP von Premierminister Narendra Modi unterstützen und ein höheres Bevölkerungswachstum aufweisen, könnten Sitze im Parlament gewinnen – auf Kosten südlicher Regionen mit langsamerem demografischen Wachstum.
Der 33 Fragen umfassende Fragebogen erfasst alles von Dachmaterialien und Internetzugang über Haushaltszusammensetzung bis hin zu Hauptnahrungsquellen. Die Erhebungsbeamten – meist Lehrer, Regierungsangestellte und lokale Beamte – überprüfen die selbstberichteten Daten durch persönliche Besuche.
Verwaltungstechnische Komplexität verzögerte den ursprünglichen Zeitplan von 2021 zunächst aufgrund der COVID-19-Pandemie und später wegen Wahlkonflikten. Der aktuelle Start erfolgt in sechs Regionen, bevor er landesweit ausgeweitet wird. Die Selbstregistrierung läuft vom 1. bis 15. April, gefolgt von den Haushaltserhebungen bis Mitte Mai.
Neben der politischen Neugliederung wird der Zensus Indiens Entwicklungsstrategie als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt prägen. Die Daten werden die Zielsetzung von Sozialprogrammen, die Infrastrukturplanung und die Ressourcenverteilung in einem Land lenken, in dem trotz rasanten Wachstums wirtschaftliche Ungleichheiten bestehen.